Oberuferer Weihnachtsspiele

Auszug aus dem Text des Christgeburtsspiel mit dem zunächst unbekannten aber warmen Dialekt:

Grüaß'n ma Joseph und Maria rein,
Und grüaß'n ma das kloane kindalein.
Grüaß'n ma a ochs und esulein,
Wölche stehn bei dem krippalein.
Grüaß'n ma sie durch sunn und mondenschein,
Der leucht't übers meer und über den Rhein.
Grüaß'n ma sie durch laub und gras,
Der haiige regen mächt uns und eng ålli naß.
Grüaß'n ma den kaiser mit der kron,
Grüaß'n ma den master, der's machen kan.
Grüaß'n ma a dö geistlinga herrn,
Wail's uns erlaubt hobn, des g'spül z'lern.
Grüaß'n ma den herrn richter mit seiner beschwörd,
Denn sie san der eren wert.
Und grüaß'n ma die gånzi ersame gmoan,
Alli, wie sie hier vasammelt san.
Grüaß'n ma den ganzen ersamen råt,
Wia sie God dazua verurdnet hat.
Grüaß'n ma sie durch ålli würzalein,
So vül als in der erden sein.
Ir liabn meini singa, fängt's anders an,
Den stern zu grüaß'n wölln ma's heben an.
Grüaß'n ma unser sternstanga
Daran unser stern tuat hanga.
Grüaß'n ma unser sternschar,
Daran unser stern umanand fart,
Grüaß'n ma a ålli hölzalein,
So vül als in dem Sterne sein. -
Ir liabn meini singa, håbt's mi wol vernumma,
Daß ma den stern håm ångsunga.
Grüaß'n ma unsern mastersinger guat,
Und grüaß'n ma den mastersinger sein huat.
Grüaß'n ma a unsern lermaster in der tat,
Wail er uns mit der hilf Godes geleret hat.
Ir liabn meini singa, håbt's mi wol vernumma,
Daß ma dös alls håbn ångsunga.

Die „Kumpanei“ lädt auch in diesem Jahr herzlich ein zur Aufführung des Christgeburtsspiels am 19.12.2018 um 19.00 Uhr!

Wir wünschen Ihnen und Ihren Kindern damit eine in besonderer Weise besinnliche Einstimmung auf die kommenden Weihnachtstage!

Für das Kollegium: A. Hugendick

In dem kleinen Dorf Oberufer an der Donau im heutigen Ungarn erlebte der Sprachwissenschaftler und Volkskundler Karl Julius Schröer, Lehrer und Freund Rudolf Steiners, im Jahre 1853 erstmals eine Aufführung der Spiele. Er war bald überzeugt, „dass hier ein Denkmal ältester dramatischer Volksdichtung in einer Reinheit und Vollständigkeit erhalten ist, wie bisher noch kein anderes bekannt geworden.“ Die Wurzeln der von gelehrtem Einfluss unberührten Spiele reichen zurück in das frühe Mittelalter und lassen noch Spuren irischer Mönche erahnen. Die Bewohner von Oberufer hatten die Spiele aus der Bodenseeregion mitgebracht, von wo sie in der ersten Hälfte des 17. .Jahrhunuderts eingewandert waren. Über Jahrhunderte hatten sie diese wie ein Schatz gehütet „Der Gedanke ist unabweisbar, dass hier wirkliche gemalte altertümliche Bilder dem ersten Ordner vorschwebten und zwar solche, in denen alles typisch stilisiert ist. Dieses typische Gepräge, die hohe Genügsamkeit, mit der alles nur symbolisch angedeutet wird, wirken bei der Unschuld und Unmittelbarkeit, aus der sie hervorgehen, hoch poetisch,“ schildert Schröer seinen Eindruck.

Für Rudolf Steiner „bekommt (man) erst einen Begriff von dem innersten Wesen des Künstlerischen, wenn man zu diesen Dorfleuten geht und sieht, wie sie die einfache Kunst des Weihnachtsspieles herausgeboren haben aus der heiligsten Stimmung.“ Die Spiele zeigen die Zentralereignisse der Menschheitsentwicklung am Weltanfang und zur Zeitenwende aus christlicher Perspektive. Götter- und Menschenschicksal sind darin eng verbunden. Hirten und Könige bringen ihr Opfer dar vor dem König des Himmels und der Erde und repräsentieren damit auch Liebe und Weisheit, Herz und Kopf jedes Menschen.

Die Oberuferer Weihnachtsspiele sind zum festen Bestandteil der weihnachtlichen Festgestaltung an vielen Waldorfschulen geworden. Diese lebendigen Zeugnisse alter Weihnachtsgebräuche stammen aus den deutschen Sprachinseln Ungarns, zu Zeiten der alten Österreichisch-Ungarischen Monarchie. Von einfachen bäuerlichen Menschen wurden sie gespielt. Aus den schlichten und volkstümlichen Texten spricht eine innige, herzenswarme Gemütsstimmung.

Teile des Lehrerkollegiums versuchen jährlich aufs neue mit Unterstützung einiger Eltern diesen alten Brauch der Schulgemeinschaft nahe zu bringen.